Foto: Jannina Heppner

Die Doppelherzler am Multitasking – Theater

An meine zweite Familie…

Ihr machtet mich sprachlos letzte Nacht!
Entschuldigt meinen kurzen Anfall von „Helene-Fischrigkeit“. Ich habe eine Erklärung dafür, doch dazu muss ich kurz ausholen:

Wir sind ein Multitasking-Theater!
Wir Schauspieler schlüpfen pro Abend in mehrere Rollen, die Autorin spielt und schreibt, der Theaterleiter verkauft Karten, macht die Leute warm, leitet das Theater hinter und spielt auf der Bühne, unser Regieassistent schneidet auch unsere absurden und liebevoll durchgeknallten Videos. Regie führen alle irgendwie. Bei unserer Form des Theaters kann man sich Regie führen nicht so vorstellen, wie es vielleicht aus anderen Produktionen bekannt ist. Es gibt schon immer eine Art Spielleiter, der einen groben Rahmen bietet aber alles muss so wahnsinnig schnell passieren , um innerhalb einer Woche fertig zu sein. Wenn da nicht jeder Regie-Einfälle einbringen würde, wäre es eine zähe und nicht zu bewältigende Aufgabe diese „Chaos-Gang“ (ganz lieb gemeint) in so kurzer Zeit zu leiten. Regie führt auch das Publikum: Lachen die Leute nicht oder haben Anmerkungen nach der Show, wird weiter gefeilt, eigentlich bis zur letzten Vorstellung. Regie führt auch „der Moment“. Es ergeben sich manchmal Dinge erst im Laufe einer GWSW-Folge und das wird dann weiter gesponnen. Wird etwas zu einem „Running Gag“. Schreibt Constanze es auch in die nächsten Folgen. So entwickeln sich die Figuren immer weiter, mit neuen Macken oder Beziehungen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte.
Was viele vielleicht nicht wissen, ist, dass die Leute hinter der Bühne ebenfalls in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen. Wir haben Barmänner und – Frauen, die gleichzeitig Kostümbildner, Requisiteure, Choreografen, Techniker, Bühnenbildner und Ticketverkäufer sind. Vor der Vorstellung werden Gläser gespült, während der Vorstellung wird die Technik gefahren. Während der Proben werden Bestellungen für die Bar gemacht, parallel werden Kostüme um genäht oder neu gekauft, mit den Schauspielerin Choreografien geübt, werden Requisiten besorgt oder Bühnenbilder, die bereits fertig gebaut waren doch noch einmal umgebaut.

Am Prime Time Theater hat offensichtlich niemand ein halbes Herz. Halbherzigkeit funktioniert hier schlichtweg nicht. An unserem Theater existiert eine seltene Spezies: die Doppelherzler. Hier schlagen viele Herzen gemeinsam und vollständig, sodass es kaum vorstellbar ist, dass jeder außerhalb des Theaters auch noch ein Leben hat, für das dann das zweite Herz verantwortlich sein muss. Und auch für uns selbst ist es manchmal kaum realisierbar, den Alltag neben dem Theater zu bewältigen. Es ist eben eine große zweite Familie. Man streitet sich, versöhnt sich wieder, es gibt kleinere und größere Dramen, man sieht sich fast täglich (manchmal sogar 24 Stunden am Tag), aber man liebt sich und kann irgendwie nicht anders als immer wieder mit voller Energie alles zu geben für dieses bemerkenswerte Haus.

Wir hatten eine anstrengende Probenwoche mit Presse- und Fernsehbesuchen, mehreren Privatleben, die sich dazwischen drängten (wie konnten sie nur?! 😉 ), mit wenig Schlaf, viel Kaffee, kleineren Streitereien aber zum Glück auch weitaus größeren Erfolgserlebnissen hinter uns. Wir gingen diesmal alle mit zitternden Knien auf die Bühne. Ich bin mir sicher, dass im Falle einer NSA-Abhörung unserer Gedanken, drei in jedem Kopf identische Sätze zu hören gewesen wären: „Treffe ich die Töne?“, „Behalte ich den Liedtext“ und „Werden die Leute sitzen bleiben?“.
Das taten sie nicht! Am Ende erhoben sie sich, erst vereinzelt und dann immer mehr bis alle standen. Einige gingen auch … nach vorn zur Bühne, um uns Blumen zu überreichen. Sie jubelten und freuten sich mit uns. Der Stein, der von unserem kollektiven Theaterherz fiel, war diesen Abend verantwortlich für den Stadtbekannten Wedding-Knall. Ich stehe seit meiner Kindheit auf Bühnen, aber so einen Gänsehaut-und-Pippi-in-den-Augen-Moment habe ich noch nie erlebt.
Ich gebe zu, ich stelle mir gelegentlich, nach fast vier Jahren, schon die Frage: „Warum mache ich das ganze eigentlich?“, gestern bekam ich die Antwort: DAFÜR!

DANKE an jeden Einzelnen, vom Ticketverkäufer bis zum Zuschauer!

Foto: Martin Chmilecki prime time theater Die Doppelherzler am Multitasking - Theater Folge 100 Premiere1

v.li.n.re.: Oliver Tautorat, Daniel Zimmermann, Philipp Lang, Christian Kaufmann, ich, Alexandra Marinescu und Constanze Behrends, Foto: Martin Chmilecki

 

 

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